Auf die Schnelle einen Kaffee, eine Mahlzeit
zum Mitnehmen oder gleich zum Verzehren im Nebenbei, wenn es gerade
passt – das „To-go-Prinzip“ setzt sich zunehmend
in vielen Bereichen des Alltagslebens durch. Zum Mitnehmen, im Vorbeigehen
oder Vorbeifahren ist eine Angewohnheit, die sich in aller Selbstverständlichkeit
im gesellschaftlichen Leben „breit“ macht, wie beispielsweise
der „Coffee to go“ oder der „Drive in“ eines
bekannten Schnellrestaurants.
Den „Drive in“, als das Schnellangebot für Autofahrer
– im Vorbeifahren zum Mitnehmen – ihn gibt es bekanntlich
als „Coffeeshop drive in“ aber auch als „Supermarkt-Drive-in“.
Die erste „Drive-In-Coffebar“ gibt es in Berlin Mitte.
Keine Parkplatzsuche, kein Aussteigen und nur nach 60 Sekunden,
so jedenfalls verspricht man auf der Internetpräsenz des Unternehmens,
ist der Kunde wieder auf der Straße – im morgendlichen
Stau. Laut Speisekarte ist auch ein „Müsli-to-go“
im Angebot, womit das Frühstück auf der Fahrt zum Arbeitsplatz
perfekt und sogar noch gesund wäre.
Supermärkte bieten das „Drive-in-Prinzip“ als
besonderes Serviceangebot an. Online zu jeder Zeit, z. B. schnell
in der Mittagspause bestellen, vorfahren, einpacken und abfahren
– ohne aus dem PKW zu steigen. Zwei Lebensmittelketten bieten
in einer Testphase diesen schnellen und zeitsparenden Express-Service
an, insbesondere als Zeitgewinn für Berufstätige in verschiedenen
großen Städten. Zeitsouverän, schnell und bequem
können in Bauhaus-Fachzentren in einer „Drive-in-Arena“
Baumaterialien erworben werden. Allen gemeinsam ist, das als individuell
nervig und zeitaufwändig empfundene „Lange-Schlange-Stehen“
an übervollen Kassen entfällt.
Eine neue Ausprägungsform erhält das „To-go-Prinzip“
mit verschiedenen neuartigen „Wellness-to-go“ Dienstleistungen,
welche für Körper und Seele angeboten werden, die von
Yoga-to-go über Shiatsu-to-go, Qigong-to-go bis zum Coaching-to-go
reichen. Fitness, Entspannung oder individuelle Konfliktlösung:
spontan eintreten – bezahlen – teilnehmen – gehen
– hier und jetzt! Und wann es gerade in den Tagesplan, zum
körperlichen Wohlbefinden oder den eigenen privaten bzw. beruflichen
Sorgen passt.
Kaum ein anderer Alltagsgegenstand symbolisiert dieses „To-go-Prinzip“
besser als der „To-go-Becher“, der als Pappausführung
oder inzwischen als Thermobecher für die heimische Kaffeemaschine
zu haben ist. Karlheinz Geißler nennt diese Dinge des alltäglichen
Lebens die „kleinen Helden der Alltagsbeschleunigung“,
die sich unauffällig einstehlen und sehr widersprüchlich
darstellen. Sie versprechen auf der einen Seite, den Alltag leichter
zu machen und Zeit zu gewinnen für die wichtigen Dinge im Leben.
Auf der anderen Seite führen sie dazu, dass einmal mehr das
Gefühl von Zeitdruck und des Gehetztseins entsteht. Sie verdichten
und beschleunigen in ihrer Normalität das soziale Leben in
einer Weise, die kaum wahrgenommen wird, während Oasen der
Ruhe und Besinnlichkeit immer weniger werden. Das „to-go-Prinzip“
verspricht vielen Stressgeplagten, Zeit zu sparen und macht sie
zugleich selbst zu Beschleunigungs- und Multitaskingexperten, zu
Simultanten, wie sie Karlheinz Geißler nennt, die ein Leben
ohne Zeitverlust führen.
Arbeitszeiten, Alltagszeiten gestalten sich zunehmend flexibler,
ungeregelter, entgrenzter und sind durch Beschleunigung und das
Gefühl von Zeitnot geprägt. Schnelligkeit, Non-Stop-Verfügbarkeit,
Mobilität und Flexibilität bestimmen den Geist der Spätmoderne.
Judith-Maria Gillies spricht in diesem Zusammenhang von einer „Kultur-to-go“,
weil eine Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft (Rinderspacher) und ihre
Individuen darin immer in Bewegung sind und nie zur Ruhe kommen.
Die Etablierung solch einer Kultur mit ihren vielfältiger werdenden
„To-go-Angeboten“ stellt eine Form der Anpassung an
spätmoderne Zeitanforderungen wie zugleich einen Lösungsversuch
dar, dem Hamsterrad von Beschleunigung, Entgrenzung und Destrukturierung
sozialer Zeiten Paroli zu bieten. Durch diese wird es möglich,
den Alltag individuell anzupassen, damit der Einzelne nicht vollkommen
aus dem Gleichgewicht gerät. Vieles kann mit Vielem in Einklang
gebracht werden, alles kann überall und jederzeit flexibel
verbunden und Zeit gespart werden. Beispielsweise wird nach Gillies
mit dem „Coffee to go“ gleichzeitig das Gefühl
mit Gemütlichkeit, des Zu-Hause-Seins mit dem des Unterwegs-zu-sein
verknüpft. Individuelle Zeit-Bedürfnisse wie zugleich
temporale Defizite spätmoderner Gesellschaften spiegeln sich
somit in widersprüchlicher Art und Weise im „To-go-Prinzip“
wider.
Zukunftsforscher sehen in der „Kultur-to-go“ einen
Zukunftstrend, denn alles wird künftig noch mehr unterwegs,
flexibel und schnell im Vorbeieilen stattfinden. Je weniger Zeit
im Alltag zur Verfügung steht, je mehr Zeit flexibler gestaltet
und je kostbarer Zeit als ökonomischer Wert angesehen wird,
desto mehr verschwimmen zeitliche Grenzen, desto mehr entsteht das
individuelle Bedürfnis beispielsweise mal schnell und spontan
in die gerade offen stehende Wohlfühl-Tür des „Yoga-to-go“,
die ohne die Hindernisse einer zeitlich vorangegangenen Anmeldung
oder längerfristigen Kurs- oder Vereinsverbindlichkeit angeboten
wird, zu treten, wenn sich nach einem langen Büroalltag auf
dem Nach-Hause-Weg die Rückenschmerzen gerade bemerkbar machen
und es zufällig in den individuellen Zeitplan hineinpasst.
Hartmut Rosa spricht vom Paradoxon der Zeit und ihrer zunehmenden
Beschleunigung: Je stärker der Versuch gestaltet wird, gesellschaftlich
wie individuell, Zeit zu sparen, in einem desto schnellerem Tempo
vergeht sie. Rinderspacher sah bereits Mitte der 1980er Jahre die
Ursache hierfür in der „infinitesimalen Verwendungslogik
der Zeit“, die der (post-)modernen Gesellschaft eingeschrieben
ist. So ist „Alles to go“ eine Alltagserscheinung unter
vielen, in deren Folge sich das soziale Leben weiterhin beschleunigt
bzw. die individuelle Erfahrung von zunehmendem Zeitdruck und das
Gefühl einer rasenden Zeit im Alltag entsteht. „To go“
beschleunigt das Handeln des Einzelnen selbst: Es wird grenzenloser,
schneller und pausenlos konsumiert, getrunken, gegessen, trainiert,
entspannt und therapiert; Pausen, Warte- oder leere Zeiten werden
rationell genutzt, Handlungen gleichzeitig ausgeführt, Langsames
durch Schnelleres und Flexibleres und meist im „Hier und Jetzt“
ersetzt. Im gleichen Atemzug läuft dem Einzelnen die individuelle
Zeit im rasenden Tempo davon und entgleitet gleichzeitig der eigenen
Kontrolle. „Oasen“ der vermeintlichen Zeitersparnis
und Ruhe, wie in Form des gesunden Frühstücks im nervenaufreibenden
Stau oder der Entspannung zwischen Tür und Angel und der daraus
entstehende Schein, den Alltag und seine Belange jederzeit und überall
in eine Balance bringen zu können, entpuppen sich letztendlich
als individuelle Fata Morgana in der Wüste des ständigen
Zeitdrucks und der Beschleunigung spätmoderner Gesellschaften.
Dahinter steht der marktwirtschaftliche Imperativ für (inzwischen
fast) alle Lebensbezüge – oder die erwähnte infinitesimale
Verwendungslogik der Zeit.
Muss der Einzelne diesem Trugbild spätmoderner Zeiten widerstehen?
Was hindert daran, tatsächlich innezuhalten, den eigenen Zeit-Umgang
zu reflektieren und sich wirkliche Zeit-Oasen der Erholung, Muße
und Entschleunigung im Alltag zu bewahren? Für die zeitpolitische
Diskussion nach wie vor ein Dauerthema.
Literaturhinweise:
Geißler, Karlheinz A. (2008): Alles Espresso. Kleine Helden
der Alltagsbeschleunigung. Stuttgart
Geißler, Karlheinz A. (2004): Alles. Gleichzeitig. Und zwar
sofort. Freiburg im Breisgau
Gillies, Judith-Maria (2009): Unsere Nullerjahre. Das Jahrzehnt
der Bagels, Blogs und Billigflieger. Frankfurt/ Main
Rinderspacher, Jürgen P. (1985). Individuelle Zeitverwendung
und soziale Organisation der Arbeit. Frankfurt/ M.
Rosa, Hartmut (2005): Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen
in der Moderne. Frankfurt/ Main
Elke Großer |