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Das »Zeitpolitische Prisma« publiziert kleine Texte zum Thema Zeit, die aktuelle diskussionswürdige Inhalte in den Fokus nehmen und zeitpolitisch reflektieren. Den jeweils aktuellen Text können Sie hier lesen. Alle bisherigen Veröffentlichungen können Sie sich selbst herunterladen.

Wenn Sie persönlich auf zeitpolitisch Interessantes stoßen, freuen wir uns auch über Ihre Einsendungen, die Sie gern an die E-Mail Adresse elke-grosser@t-online.de schicken können.

Das Redaktionsteam des Zeitpolitischen Prismas: Elke Großer und Jürgen Rinderspacher

 
Alles „to go“!? 04. 05. 2011
 

Auf die Schnelle einen Kaffee, eine Mahlzeit zum Mitnehmen oder gleich zum Verzehren im Nebenbei, wenn es gerade passt – das „To-go-Prinzip“ setzt sich zunehmend in vielen Bereichen des Alltagslebens durch. Zum Mitnehmen, im Vorbeigehen oder Vorbeifahren ist eine Angewohnheit, die sich in aller Selbstverständlichkeit im gesellschaftlichen Leben „breit“ macht, wie beispielsweise der „Coffee to go“ oder der „Drive in“ eines bekannten Schnellrestaurants.

Den „Drive in“, als das Schnellangebot für Autofahrer – im Vorbeifahren zum Mitnehmen – ihn gibt es bekanntlich als „Coffeeshop drive in“ aber auch als „Supermarkt-Drive-in“. Die erste „Drive-In-Coffebar“ gibt es in Berlin Mitte. Keine Parkplatzsuche, kein Aussteigen und nur nach 60 Sekunden, so jedenfalls verspricht man auf der Internetpräsenz des Unternehmens, ist der Kunde wieder auf der Straße – im morgendlichen Stau. Laut Speisekarte ist auch ein „Müsli-to-go“ im Angebot, womit das Frühstück auf der Fahrt zum Arbeitsplatz perfekt und sogar noch gesund wäre.

Supermärkte bieten das „Drive-in-Prinzip“ als besonderes Serviceangebot an. Online zu jeder Zeit, z. B. schnell in der Mittagspause bestellen, vorfahren, einpacken und abfahren – ohne aus dem PKW zu steigen. Zwei Lebensmittelketten bieten in einer Testphase diesen schnellen und zeitsparenden Express-Service an, insbesondere als Zeitgewinn für Berufstätige in verschiedenen großen Städten. Zeitsouverän, schnell und bequem können in Bauhaus-Fachzentren in einer „Drive-in-Arena“ Baumaterialien erworben werden. Allen gemeinsam ist, das als individuell nervig und zeitaufwändig empfundene „Lange-Schlange-Stehen“ an übervollen Kassen entfällt.

Eine neue Ausprägungsform erhält das „To-go-Prinzip“ mit verschiedenen neuartigen „Wellness-to-go“ Dienstleistungen, welche für Körper und Seele angeboten werden, die von Yoga-to-go über Shiatsu-to-go, Qigong-to-go bis zum Coaching-to-go reichen. Fitness, Entspannung oder individuelle Konfliktlösung: spontan eintreten – bezahlen – teilnehmen – gehen – hier und jetzt! Und wann es gerade in den Tagesplan, zum körperlichen Wohlbefinden oder den eigenen privaten bzw. beruflichen Sorgen passt.

Kaum ein anderer Alltagsgegenstand symbolisiert dieses „To-go-Prinzip“ besser als der „To-go-Becher“, der als Pappausführung oder inzwischen als Thermobecher für die heimische Kaffeemaschine zu haben ist. Karlheinz Geißler nennt diese Dinge des alltäglichen Lebens die „kleinen Helden der Alltagsbeschleunigung“, die sich unauffällig einstehlen und sehr widersprüchlich darstellen. Sie versprechen auf der einen Seite, den Alltag leichter zu machen und Zeit zu gewinnen für die wichtigen Dinge im Leben. Auf der anderen Seite führen sie dazu, dass einmal mehr das Gefühl von Zeitdruck und des Gehetztseins entsteht. Sie verdichten und beschleunigen in ihrer Normalität das soziale Leben in einer Weise, die kaum wahrgenommen wird, während Oasen der Ruhe und Besinnlichkeit immer weniger werden. Das „to-go-Prinzip“ verspricht vielen Stressgeplagten, Zeit zu sparen und macht sie zugleich selbst zu Beschleunigungs- und Multitaskingexperten, zu Simultanten, wie sie Karlheinz Geißler nennt, die ein Leben ohne Zeitverlust führen.

Arbeitszeiten, Alltagszeiten gestalten sich zunehmend flexibler, ungeregelter, entgrenzter und sind durch Beschleunigung und das Gefühl von Zeitnot geprägt. Schnelligkeit, Non-Stop-Verfügbarkeit, Mobilität und Flexibilität bestimmen den Geist der Spätmoderne. Judith-Maria Gillies spricht in diesem Zusammenhang von einer „Kultur-to-go“, weil eine Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft (Rinderspacher) und ihre Individuen darin immer in Bewegung sind und nie zur Ruhe kommen. Die Etablierung solch einer Kultur mit ihren vielfältiger werdenden „To-go-Angeboten“ stellt eine Form der Anpassung an spätmoderne Zeitanforderungen wie zugleich einen Lösungsversuch dar, dem Hamsterrad von Beschleunigung, Entgrenzung und Destrukturierung sozialer Zeiten Paroli zu bieten. Durch diese wird es möglich, den Alltag individuell anzupassen, damit der Einzelne nicht vollkommen aus dem Gleichgewicht gerät. Vieles kann mit Vielem in Einklang gebracht werden, alles kann überall und jederzeit flexibel verbunden und Zeit gespart werden. Beispielsweise wird nach Gillies mit dem „Coffee to go“ gleichzeitig das Gefühl mit Gemütlichkeit, des Zu-Hause-Seins mit dem des Unterwegs-zu-sein verknüpft. Individuelle Zeit-Bedürfnisse wie zugleich temporale Defizite spätmoderner Gesellschaften spiegeln sich somit in widersprüchlicher Art und Weise im „To-go-Prinzip“ wider.

Zukunftsforscher sehen in der „Kultur-to-go“ einen Zukunftstrend, denn alles wird künftig noch mehr unterwegs, flexibel und schnell im Vorbeieilen stattfinden. Je weniger Zeit im Alltag zur Verfügung steht, je mehr Zeit flexibler gestaltet und je kostbarer Zeit als ökonomischer Wert angesehen wird, desto mehr verschwimmen zeitliche Grenzen, desto mehr entsteht das individuelle Bedürfnis beispielsweise mal schnell und spontan in die gerade offen stehende Wohlfühl-Tür des „Yoga-to-go“, die ohne die Hindernisse einer zeitlich vorangegangenen Anmeldung oder längerfristigen Kurs- oder Vereinsverbindlichkeit angeboten wird, zu treten, wenn sich nach einem langen Büroalltag auf dem Nach-Hause-Weg die Rückenschmerzen gerade bemerkbar machen und es zufällig in den individuellen Zeitplan hineinpasst.

Hartmut Rosa spricht vom Paradoxon der Zeit und ihrer zunehmenden Beschleunigung: Je stärker der Versuch gestaltet wird, gesellschaftlich wie individuell, Zeit zu sparen, in einem desto schnellerem Tempo vergeht sie. Rinderspacher sah bereits Mitte der 1980er Jahre die Ursache hierfür in der „infinitesimalen Verwendungslogik der Zeit“, die der (post-)modernen Gesellschaft eingeschrieben ist. So ist „Alles to go“ eine Alltagserscheinung unter vielen, in deren Folge sich das soziale Leben weiterhin beschleunigt bzw. die individuelle Erfahrung von zunehmendem Zeitdruck und das Gefühl einer rasenden Zeit im Alltag entsteht. „To go“ beschleunigt das Handeln des Einzelnen selbst: Es wird grenzenloser, schneller und pausenlos konsumiert, getrunken, gegessen, trainiert, entspannt und therapiert; Pausen, Warte- oder leere Zeiten werden rationell genutzt, Handlungen gleichzeitig ausgeführt, Langsames durch Schnelleres und Flexibleres und meist im „Hier und Jetzt“ ersetzt. Im gleichen Atemzug läuft dem Einzelnen die individuelle Zeit im rasenden Tempo davon und entgleitet gleichzeitig der eigenen Kontrolle. „Oasen“ der vermeintlichen Zeitersparnis und Ruhe, wie in Form des gesunden Frühstücks im nervenaufreibenden Stau oder der Entspannung zwischen Tür und Angel und der daraus entstehende Schein, den Alltag und seine Belange jederzeit und überall in eine Balance bringen zu können, entpuppen sich letztendlich als individuelle Fata Morgana in der Wüste des ständigen Zeitdrucks und der Beschleunigung spätmoderner Gesellschaften. Dahinter steht der marktwirtschaftliche Imperativ für (inzwischen fast) alle Lebensbezüge – oder die erwähnte infinitesimale Verwendungslogik der Zeit.

Muss der Einzelne diesem Trugbild spätmoderner Zeiten widerstehen? Was hindert daran, tatsächlich innezuhalten, den eigenen Zeit-Umgang zu reflektieren und sich wirkliche Zeit-Oasen der Erholung, Muße und Entschleunigung im Alltag zu bewahren? Für die zeitpolitische Diskussion nach wie vor ein Dauerthema.


Literaturhinweise:
Geißler, Karlheinz A. (2008): Alles Espresso. Kleine Helden der Alltagsbeschleunigung. Stuttgart
Geißler, Karlheinz A. (2004): Alles. Gleichzeitig. Und zwar sofort. Freiburg im Breisgau
Gillies, Judith-Maria (2009): Unsere Nullerjahre. Das Jahrzehnt der Bagels, Blogs und Billigflieger. Frankfurt/ Main
Rinderspacher, Jürgen P. (1985). Individuelle Zeitverwendung und soziale Organisation der Arbeit. Frankfurt/ M.
Rosa, Hartmut (2005): Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne. Frankfurt/ Main

Elke Großer

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